Marc Helbling, Sozialwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin (WZB) beleuchtet die Hintergründe der “Germanophobie” – gestützt auf eine Umfrage aus den 1990er-Jahren und erklärt in einem Interview mit swissinfo.ch, weshalb Deutsche in der Schweiz weniger beliebt sind als andere Ausländer:
Frage: Herr Helbling, in Ihrer Studie reden Sie von der “Germanophobie” in der Schweiz. Warum fühlen sich die Schweizer von deutschen Zuwanderern bedroht?
Marc Helbling: In der Migrationsforschung können wir immer wieder beobachten, dass Migranten dann als Bedrohung wahrgenommen werden, wenn sie innerhalb kurzer Zeit in hoher Zahl einwandern. Ab Mitte der 1990er-Jahre kam es zu einem starken Zuzug von Deutschen in die Schweiz. Dies, weil die Schweiz gut ausgebildete Arbeitskräfte brauchte; zudem erleichterten die bilateralen Abkommen von 2002 die Einwanderung aus dem Nachbarland. (…)
Der typische deutsche Migrant hat einen akademischen Abschluss und ist zum Beispiel Mediziner, Wissenschafter an der Uni oder Informatiker. Schweizer und Deutsche konkurrieren also miteinander in einem eng umkämpften Segment des Arbeitsmarkts.
Dies erklärt, warum auch unter gut ausgebildeten Schweizern Anfeindungen gegen die Deutschen auftreten. Ein Phänomen, das wir in der Migrationsforschung sonst nicht beobachten. Da gilt nämlich die These, je gebildeter die Menschen sind, desto weniger fremdenfeindlich sind sie.
Frage: Auf der Unbeliebtheitsskala belegen die Deutschen den vierten Rang nach den Migranten aus Ex-Jugoslawien sowie arabischen und türkischen Einwanderern – das zeigt jedenfalls Ihre Studie. Warum mögen wir die Deutschen nicht?
Marc Helbling: Es hat mich überrascht, dass die Deutschen unbeliebter sind als alle anderen Westeuropäer. Denn eigentlich geht man in der Migrationsforschung davon aus, dass vor allem Einwanderer angefeindet werden, die aus fremden Kulturkreisen stammen – was auf die Deutschen auf den ersten Blick nicht zutrifft. Doch anders als Italiener oder Franzosen werden Deutsche von der Schweizern tatsächlich als kulturell sehr unterschiedlich wahrgenommen. Und zwar dadurch, dass eigentlich kleine Unterschiede zwischen den beiden Kulturen eine grosse Bedeutung erhalten.
(Quelle: www.swissinfo.ch, vollständiger Artikel unter: http://bit.ly/9DjTzt)
Mehr Infos zur Studie finden Sie unter: http://www.wzb.eu/presse/mitteilungen_2010/germanophobie.de.htm
