«St. Galler Tagblatt» – Interview mit Bruno Reihl

Am 18. Feb. 2010 wurde im «St. Galler Tagblatt» ein Interview mit Bruno Reihl abgedruckt, das wir im im folgenden leicht gekürzt wiedergeben. Das Interview führte Annette Wirthlin.

Was macht die Schweiz für Deutsche als Wohn- und Arbeitsort so attraktiv?

Reihl: 2008 wanderten 46 300 Deutsche in die Schweiz ein, um hier zu leben und zu arbeiten – das sind im Durchschnitt 120 Menschen pro Tag.Das hängt mit der Arbeitssituation, speziell in Ostdeutschland, zusammen. Diese Leute sind sehr gut ausgebildet, finden dort aber keine Arbeit, die so gut bezahlt ist wie in der Schweiz.

Die Deutschen hierzulande haben es ja zurzeit auch nicht leicht. Schon bevor der aktuelle Konflikt die Zeitungen füllte, mussten sich viele von ihnen immer mal wieder Feindseligkeiten von Schweizern anhören.

Reihl: Solche Phänomene sind ganz typisch während Wirtschaftskrisen. In den Siebzigerjahren waren es die Portugiesen und Italiener, die man rausschicken wollte. Besonders heikel ist es natürlich, weil hier die Deutschen genau verstanden werden, wenn sie (zudem in barschem Ton) Kritik äussern. Täte dies ein Portugiese in seiner Sprache, würde man ihn gar nicht erst verstehen.

Welchen Vorwurf hören die Deutschen von den Schweizern am meisten?

Reihl: Dass sie besserwisserisch und arrogant auftreten. Ich lebe jetzt dreissig Jahre hier, und es fällt sogar mir auf, dass sich manche Deutsche sehr oberlehrerhaft benehmen.

Glauben Sie, dass die Abneigung gegen Deutsche auch damit zu tun hat, dass sie uns eigentlich relativ ähnlich sind?

Reihl: Von der Ethik, von der Sprache und der Arbeitsmoral sind sich die beiden Völker sehr ähnlich.Auf der anderen Seite wird ein kleineres Land, gerade wenn vieles so ähnlich ist, immer Probleme mit dem «grossen Nachbarn» haben.

Sie sind selber vor über dreissig Jahren in die Schweiz gezogen. Fühlen Sie sich nun mehr als Schweizer oder als Deutscher?

Reihl: Ich fühle mich dann als Schweizer, wenn ich merke, wie es auch mich ärgert, wenn Deutsche hierherkommen und gleich alles verändern wollen. (…)

Woran liegt es, dass manche Deutsche nach einem halben Leben in der Schweiz noch kein Wort Schweizerdeutsch sprechen?

Reihl: Erstens ist sicher nicht jeder gleich sprachbegabt. Doch im Grunde glaube ich, dass es einen Willensentscheid braucht, es auch lernen zu wollen. Andere entscheiden sich, beim Hochdeutsch zu bleiben, und nehmen damit in Kauf, dass sie auffallen und nicht zu einem guten Image der Deutschen beitragen.

Ein Vorurteil, das Schweizer von Deutschen hören, ist, dass wir so langsam sprechen. Was sagen Sie dazu?

Reihl: Das ist eine ganz arrogante Haltung von Deutschen, die auf einem Missverständnis beruht. Die Deutschen halten das Hochdeutsch der Schweizer fälschlicherweise für Schweizerdeutsch. Da diese aber eine Fremdsprache sprechen, ist es nur logisch, dass sie darin etwas langsamer sind.

Wenn man Ihr Buch liest, staunt man, wie viele Lebensbereiche in den beiden Ländern Unterschiede aufweisen. Wie lange dauert es, bis man in der Schweiz nicht mehr täglich in ein Fettnäpfchen tritt?

Reihl: Es kommt natürlich darauf an, wie aufgeschlossen man generell ist. Meine Faustregel lautet, es dauert etwa das Lebensalter in Monaten, also bei einem 24- Jährigen zwei Jahre, bis man sich vollkommen zu Hause fühlt und nicht mehr aneckt. Denn die Unterschiede sind tatsächlich viel zahlreicher, als man glaubt.

Geben Sie uns ein paar Beispiele von Alltäglichkeiten, die für einen Schweizer selbstverständlich sind, Deutsche aber staunen lassen?

Reihl: Für Deutsche ist es unvorstellbar, dass der Arbeitgeber die Steuern nicht direkt vom Lohn abzieht und man zuerst eine Steuererklärung machen muss. Überhaupt gilt in der Schweiz allgemein eine hohe Eigenverantwortlichkeit. Deutschland ist mit Bürokratie zugepflastert.

Gibt es auch Beispiele aus dem zwischenmenschlichen Umgang?

Reihl: Für Deutsche ist es am Anfang auffallend, wie freundlich man hier begrüsst wird und dass sich auch relativ Fremde mit Küsschen links und rechts begrüssen.

Was raten Sie einem Deutschen, um besser integriert zu sein?

Reihl: Er soll langsam reden und versuchen, Schweizerdeutsch mindestens zu verstehen, denn die meisten Schweizer reden ungern Hochdeutsch.

(Quelle: «St. Galler Tagblatt» vom 18.2.2010)

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